Die Ausbildungsskala
Die Ausbildungsskala -Oft vollkommen unbekannt, häufig nur rudimentär als unverständliches Schlagwort in den Köpfen und in vielen Fällen verteufelt als böses und aufs eigene Pferd nicht anwendbare Werkzeug der FN angesehen. Und doch so universell und absolut wertvoll.
Die Ausbildungsskala ist nichts Feststehendes, das ist schon der erste Fehler, der im Zusammenhang mit diesem Begriff gemacht wird. Die Ausbildungsskala ist auch keine Leiter, an der man sich Stufe für Stufe hochhangelt.
Aber was ist denn das sonst? wird man sich fragen.
Nun, die Ausbildungsskala ist einfach ein Leitfaden, der die tägliche Arbeit und auch die gesamte Ausbildungs des Pferdes begleiten sollte - und zwar jeden Pferdes in jeder Reitweise unabhängig von Rasse und Alter.
Die Ausbildungsskala wird, da es anderes nicht wirklich möglich ist, als Reihenfolge bestimmter reiterlicher Begriffe dargestellt.
Takt
Losgelassenheit
Anlehnung
Schwung
Geraderichten
Versammlung
Und genau das ist die Ursache so vieler Fehler und Mißverständnisse. Denn sie wird als zwingend linear angesehen. Und genau das ist sie nicht.
Man sollte diese Begriffe besser in zwei Kreisen verstehen, die durchaus ineinander greifen können. Diese Kreise werden einmal aus Takt, Losgelassenheit und Anlehnung gebildet und dann im zweiten Kreis durch Schwung, Geraderichtung und Versammlung ergänzt.
Der erste Kreis beschreibt die Lösungsphase, der zweite die Arbeitsphase in der täglichen Arbeit.
Und in der Ausbildung des Pferdes gesamt gesehen beschreibt der erste Kreis die Ausbildung der ersten Jahre der Remonte und der zweite dann die weitergehende Ausbildung bis zu den höchsten Anforderungen.
Ist man ausbildungstechnisch im zweiten Kreis angekommen, muß trotzdem stets darauf geachtet werden, daß die Anforderungen des ersten Kreises erhalten bleiben. Platt gesagt: Gehen in der Piaffe Takt und Losgelassenheit flöten, dann ist es keine Piaffe mehr, sondern nur eine Zappelei auf der Stelle.
Natürlich kann es sehr leicht passieren, daß gerade in sehr schwierigen und kräftezehrenden Lektionen diese Grundlagen verloren gehen, aber genau das muß der Reiter erspüren und dafür Sorge tragen, daß das Pferd diese wieder erlangen kann, bevor in der versammelnden und versammelten Arbeit fortgefahren wird. Denn sonst werden die schweren Lektionen keinen Zugewinn für die Gesunderhaltung und den Reitkomfort sondern schlichten Verschleiß und - wenn es absolut übertrieben wird - auch ein komplett schwerrittiges bis widersetzliches Pferd erzeugen.
Nun möchte ja nicht jeder Reiter die Weihen der hohen Dressur erreichen und das ist auch nicht notwendig. Trotzdem sind die ersten drei Punkte, bzw. der erste Kreis für jedes Pferd und jeden Reiter eigentlich absolutes Pflichtprogramm. Kommen dann noch Schwungentwicklung und die Geraderichtung dazu, dann reicht das für ein gesundes und gutes Reitpferdeleben absolut aus.
Und dann gibt es noch eine zweite Ausbildungsskala, diese ist leider so gut wie unbekannt, weil sie nie erwähnt oder niedergeschrieben wird. Dabei ist diese eigentlich noch viel wichtiger als die erste. Und diese Ausbildungsskala ist die des Reiters. Diese Ausbildungsskala umfasst lediglich vier Punkte und ist tasächlich linear zu sehen, da der nachfolgende Punkt nicht ohne den vorangegangenen Punkt erreicht werden kann. Diese Ausbildungsskala umfasst:
Sitz
Hilfengebung
Gefühl
Einwirkung
Natürlich muss keiner dieser Punkte erst perfekt erfüllt sein, bevor der nächste angegangen werden kann. Aber eigentlich weiß jeder, daß ein Reiter, der nicht einmal eine Ahnung davon hat, wie er sich auf dem Pferd sortieren soll, auch keine einzige, dem Pferd halbwegs verständliche Hilfe geben kann. Geschweige denn, daß er irgendein Gefühl für den Moment oder die Intensität der Hilfen haben könnte.
Ich werde versuchen, jeden einzelnen Punkt verständlich zu erläutern, jeder einzelne Punkt wird seinen ganz eigenen Beitrag bekommen. Und ich werde in der aufgelisteten Reihenfolge vorgehen. Die ist dann aber, bei der Ausbildungsskala des Pferdes nicht so zu verstehen, daß man nur so und auf gar keinen Fall anders vorgehen soll und darf. Denn letztlich richtet sich die Ausbildung eines Pferdes immer nur nach dessen Bedürfnissen und Anforderungen und nicht nach irgendwelchen "Vorschriften", denn diese haben die Pferde in den seltensten Fällen gelesen.