Satteleigenschaften
Diesmal Gedanken über die, den Reitersitz beeinflussenden, Eigenschaften eines Sattels.
Da wir Reiter eigentlich von Beginn an lernen, mit allen möglich und unmöglichen Sätteln irgendwie zurecht zu kommen und in erster Linie das Pferd in den Hauptfokus gerückt wird, ist das Bewußtsein für diese Sattelthematik extrem in den Hintergrund verbannt worden. Ja, es gibt durchaus nicht wenige Ausbilder, die intensiv am Sitz des Reiters arbeiten - über gute Korrekturen, Sitzübungen an der Longe und was es sonst noch so geben mag. Aber welcher Reiter hat denn tatsächlich schon einmal vom Reitlehrer gehört "mit diesem Sattel kannst du deinen Sitz nicht wirklich verbessern"? Es wird sicherlich jemandem geben, der diesen Hinweis bereits bekommen hat, allerdings bezieht sich das meistens auf die Sattelgröße, die irgendwann zu klein gewählt wurde oder zu klein geworden ist. Oder auch einmal daran, daß die Sattelbalance einfach nicht mehr stimmt und dann muß eben der Sattler tätig werden.
Die Problematik der Sitztiefe wird oft ausgeblendet ebenso wie der Blattschnitt und die Positionierung der Steigbügelaufhängung. Auch der Schnitt von Vorder- und Hinterzwiesel sowie Pauschenform und -prominenz (meint Höhe und Breite) finden normalerweise weder beim Ausbilder noch beim Schüler wirkliche Beachtung. Die Frage, wie man denn tatsächlich den Sitz effektiv verbessern soll, wenn der Sattel aber mehr behindert als wirklich unterstützt, wird daher so gut wie niemals beantwortet, denn dieser Fakt ist einfach nicht im Bewußtsein der Reiterwelt verankert.
Ich hoffe, daß Ausbilder und Reiter ein wenig von diesem Text lesen und beginnen, sich ernsthaft einmal mit dieser Thematik zu beschäftigen, es würde unseren Pferden einen langen Leidensweg ersparen. Denn Sitzfehler, egal wodurch verursacht, wirken sich immer direkt auf die Pferde aus. Und einen, dem Reiter passenden, Sattel zu wählen mag zwar aufwändig und auch manchmal langwierig sein, ist aber immer noch die einfachste Lösung.
Um aber als Reiter wirklich selber feststellen zu können, ob der Sattel zu einem passt, gibt es so einiges, was die Beurteilung deutlich erleichtert und darauf möchte ich hier eingehen.
1. Wir müssen uns bewußt machen, daß wir als Reiter eigentlich nicht auf dem Pferd sitzen, sondern stehen. Das wird jetzt sicherlich Verwunderung erzeugen, denn es ist ja der "Reitersitz" und die "Sitzfläche" was ja impliziert, daß man auf dem Pferd sitzt. Und jetzt wird es komplizierter: Ja, dadurch, daß das Reitergesäß auf dem Pferd platziert wird (egal, ob auf dem blanken Rücken, mit einem Pad, einem Sattel oder wie auch immer) sehen wir das als sitzen an. Unser Gewicht lastet in dem Moment auch auf der Sitzfläche. Stehen würde eigentlich bedeutet, unser Gewicht lastet auf den Fußsohlen. Ergo wird es eben als sitzen bezeichnet. Nun ist es aber so, daß, wie ich auch an anderer Stelle bereits erwähnt habe, der Reiter, wenn das Pferd plötzlich unter ihm weg ist, auf den Füßen zu stehen kommen und so wie er aufkommt, auch das Gleichgewicht halten sollte. Daher der Hinweis darauf, daß ein Reiter eher steht als sitzt. Wenn wir sitzen und plötzlich ist das Sitzmöbel weg, wird es doch extrem schwierig, nicht unsaft auf dem Rücken zu landen.
2. Wir "stehen" also auf dem Pferd. Das bedeutet, wenn uns nirgends festhalten (Zügel) oder anklemmen (Beine) können, dürfen wir mit dem Oberkörper nicht kippeln. Das darf jeder Reiter einmal für sich selber ausprobieren: Einfach in einer höheren Gangart Arme seitlich ausbreiten, Knie vom Sattel lösen Unterschenkel ganz locker hängen lassen und den Schwung des Pferdes über Hüft,- Knie und Fußgelenke in den Absatz nach unten wegschwingen. Und so einfach einmal ein paar Runden leichttraben. Ich wette, die wenigsten überstehen mehr als 3 Trabtritte ohne das Gleichgewicht zu verlieren, die Knie anzudrücken oder irgendwo anzufassen um nicht gleich den Abgang zu machen.
Die Ursache für diese Probleme muß natürlich kein unpassender Sattel sein, es kann auch sein, daß der Reiter einfach absolut kein Gleichgewicht halten kann (was übrigens für den "zügelunabhängigen Sitz " unabdingbare Voraussetzung ist). Aber daß der Sattel eben genau dieses reitereigene Gleichgewicht eher behindert als zuläßt ist leider auch nicht sehr unwahrscheinlich.
3. Hat man die obige Übung nicht bestanden muß man auf Ursachenforschung gehen. Das beginnt ganz einfach damit, daß man sich entspannt auf das Pferd (und den Sattel) setzt und die Beine locker hängen läßt. Hier muß die Trittfläche der Steigbügel den Fußballen treffen. (Im Dressursattel. Springsättel lasse ich außen vor, die müssen anders beurteilt werden.) Ist das nicht der Fall, kann man davon ausgehen, daß die Steigbügelaufhängung für den Reiter nicht richtig positioniert ist oder der Vorderzwiesel zu weit in die Sitzfläche hineinreicht und den Reiter dadurch nach hinten schiebt.
Hat man festgestellt, daß hier ein Problem vorliegen könnte, bittet man einfach einmal eine andere Person das von der Seite aus zu betrachten oder auch eventuell einmal ein Foto zu machen. Und dann schaut man doch ganz einfach einmal, ob man mittig im Sattel sitzt oder eventuell tatsächlich nach hinten verschoben ist. Das fällt mir übrigens an ganz vielen Reiterbildern auf, daß vor dem Reiter viel Sattel zu sehen ist und dieser fast schon an der hinteren Sattelkante sitzt. Das muß allerdings nicht unbedingt am zu langen Vorderzwiesel liegen, sondern die Ursache hierfür kann auch im
4. unpassenden Blattschnitt zu finden sein, bzw an falsch und ungünstig geschnittenen und / oder platzierten Pauschen.
Es ist ja ziemlicher Trend geworden, das Reiterbein über die Pauschen in die vermeintlich richtige Position zu bringen.
Nun liegt die Schwierigkeit dieses Unterfangens darin, daß sitzende Tätigkeiten inzwischen der Hauptteil unseres Lebens geworden sind und daher der Rumpfbeuger etwas verkürzt ist (ok, ich bin nicht der Anatomieheld, sollte die Bezeichnung falsch sein, bin ich für Korrektur dankbar). Dieser Muskel muß aber, um die Beine auf dem Pferd in die richtige Position zu bringen, dehnbar genug sein.
Was passiert nun, wenn die Beine künstlich nach hinten gedrückt werden? Eine häufig gewordene Erscheinung unserer Zeit wird deutlich verstärkt: Das grassierende Hohlkreuz. Das bedeutet, ein latent oder ausgeprägt vorhandenes Hohlkreuz wird hier gerne deutlich stärker zu Tege treten.
Wie also stelle ich als Reiter fest, ob Blatt und Pauschen zu mir passen?
Im Prinzip ganz einfach: Wenn man auf dem Pferd sitzt und die Steigbügel aufgenommen hat, dann sollte die Linie der vorderen Sattelkante harmonisch der Oberschenkellinie folgen. Klar, wenn man ein VS-Modell hat und hier lange Dressurbügel einstellt, wird das nicht passieren, aber zu viel Blatt vor dem Bein ist eigentlich nicht schlimm, solange die Steigbügelpositionierung weitgehend passt. Und ich rede jetzt von der, zu der Bestimmung des Sattels passenden Bügellänge.
Ganz wichtig und unbedingt zu beachten ist der senkrecht fallende Bügelriemen bei aufgenommenen Steigbügeln! Und ganz generell gilt es die, dem Können des Reiters angepasste, Bügellänge einzustellen und nicht die, die den Reiter optisch zum Sitzprofi macht! Hält man sich an diese einfache Grundregel, stellt man nämlich ganz schnell fest, daß z.B. es viel schlauer ist, einen Anfänger in einen Vielseitigkeitssattel zu setzen, statt direkt in einen Dressursattel.
Also zum einen ist die Blattlinie in Übereinstimmung des Oberschenkels zu beachten und der zweite, ganz wichtige, Punkt ist, darauf zu achten, daß das Knie des Reiters immer etwas hinter der Pausche liegt. Zwei bis drei Zentimeter darf das ruhig sein. Auch hier gilt: Mehr ist kein Problem, weniger ein ganz gravierendes. Noch weniger ist dann auch tolerieren, daß das Knie an die vordere Blattkante kommt oder sogar darüber hinaus ragt.
Nun zur Zusammenfassung: Der Reiter muß im Mittelpunkt des Sattels sitzen. Dafür wird der Sattel in drei gleiche Teile eingeteilt und die korrekte Sitzposition ist im zweiten Drittel, also in der Mitte.
Weiter vorne bringt zu viel Druck im vorderen Bereich, weiter hinten belastet den instabileren Teil der Brustwirbelsäule des Pferdes teilweise sehr massiv. Kann der Reiter nicht entspannt in allen drei Gangarten in der Mitte des Sattels sitzen bleiben, stimmt etwas Grundlegendes nicht.
Das Becken des Reiters muß im "Neutralstellung" sein wodurch dann bei der Bewegung des Pferdes ein optimales Mitschwingen nach vorne und hinten ungehindert möglich ist. Geht die Tendenz zum Hohlkreuz ist der Sattel entweder zu klein, kippt nach vorne ab oder der Blattschnitt, bzw. die Pauschen bringen den Reiter dazu, sich im Sattel nach hinten auf den ansteigenden Hinterzwiesel zu schieben.
Die vordere Blattlinie sollte, bei passender Bügellänge, der Linie des Oberschenkels folgen, es muß etwas Abstand zwischen Knie und Pauschen sein. Während des Reitens soll das Knie des Reiters die Pauschen nie berühren!
Der Reiter selber kann diese ganzen Punkte schnell selber abklopfen: Ist er in der Lage das Gleichgewicht mühelos über eine gewisse Strecke halten, wenn er die Arme seitlich hält und die Knie vom Sattel wegdreht? Fühlt sich das Leichttraben mühelos an, geht quasi ganz von selbst? Fühlt der Reiter im Galopp die "rollende" Sprungbewegung am Gesäß?
Alarmzeichen sind das Gefühl im Leichttraben immer gegen einen Widerstand aufstehen zu müssen, bzw. ein ständig leicht nach vorne gelehnter Oberkörper oder umgekehrt ein "bergab- Gefühl" bei dem der Oberkörper tendenziell eher etwas nach hinten geht, die Knie etwas zu sehr am Sattel sind sowie deutliches nach vorne fallen wenn das Tempo nach unten reguliert wird. Also z.B. Übergänge Trab - Schritt.
Es ist auch hilfreich, sich von Zeit zu Zeit einmal fotografieren oder filmen zu lassen und dann darauf zu achten, ob die Senkrechte "Schulter - Hüfte - Absatz" im Dressur- bzw. Gebrauchssitz oder "Schulter - Knie - Bügeltritt" im leichten bis Springsitz stets erhalten bleiben.
Das soll keine Aufforderung sein, mit dem Lineal ein Foto zu zerpflücken. Ich wüßte keinen einzigen Reiter (und möge er noch so gut sein) der diesem Ideal immer und zu jeder Zeit entsprechen kann. Unser Bestreben, wenn wir uns einem Pferd zumuten und dann noch Wünsche an das Pferd haben, muß allerdings immer sein, uns selber immer mehr kontrollieren zu können. Es gibt absolut niemals eine Berechtigung zu sagen "aber ich will ja nur Freizeit reiten, da reicht mir das, was ich kann". Denn dem Pferd reicht das nicht! Das Pferd muß ertragen, was der Mensch ihm antut und auch, wenn Pferde eigentlich deutlich zeigen, wenn ihnen etwas nicht gut tut, wird das doch meistens nicht verstanden und daher auch nicht beachtet. Stets entscheidet der Mensch, ob es dem Pferd gut geht, ob es Schmerzen hat, ob es Freude hat, oder was auch immer. Das Pferd wird da seltenst gefragt und wenn es sich nicht expliziert durch Widersetzlichkeit oder Aggression wehrt oder gar krank wird, macht sich auch kaum einer bewußt, daß keiner von uns das fühlt und empfindet, was das Pferd fühlt und empfindet. Das können wir immer nur erahnen, wenn wir genau beobachten und interpretieren.
Niemand muß hohe Dressur reiten, niemand muß großartig springen, es ist vollkommen legitim, einfach nur im Gelände die Freude an der Natur zu genießen oder in der Halle seine Runden zu drehen - was auch immer. Aber es ist niemals legitim, nicht an sich selber, seiner Eigenbalance, seiner Losgelassenheit, seinem Sitz zu arbeiten in dem Bestreben, sich für das Pferd immer tragbarer zu machen. Und hier haben Sättel nun einmal leider eine ganz grundlegende Aufgabe, die so einfach ist, aber der viele Sättel leider so gar nicht genügen: Den Reiter einfach nicht zu stören in diesem Bestreben.
Noch ein kleiner Tipp: Macht ein Video, seht euch an, wie ihr da in den verschiedenen Gangarten auf dem Pferd sitzt. SCHAUT EUCH AN, NICHT DAS FERD! Und dann versucht doch einmal, diese diversen Haltungen auch ohne Pferd umzusetzen - lauft ihr mit hochgezogenen Schultern durchs Leben? Mit hochgezogenen oder heruntergedrückten Fersen? Mit eingedrehten Fäusten und ausgedrehten Ellbogen? Mit krummem Rücken und permanent vornickendem Kopf, der an ein pickendes Huhn erinnert? Usw. Beispiele gibt es viele. Reitet so, wie ihr durchs Leben geht: Aufrecht, locker und im Gleichgewicht, dann wird es auch etwas damit, daß das Pferd Freude an euch hat!
Interessantes Modell