Der "ReHa-Sattel"

 
Bereits vor vielen Jahren lief mir die Einstellung mancher Reiter über den Weg, daß sie zur Rehabilitation des komplett von nicht passenden Sätteln fehlbemuskelteten Rückens ihres Pferdes, erst einmal einen sogenannten "alternativen Sattel" kaufen wollten. Möglichst billig natürlich, denn man mußte ja auf die Zukunft sparen, denn sobald sich das Pferd wieder erholt hat, muß natürlich ein "richtiger" Sattel her. Was sich mir nicht erschließt: Wenn ein Sattel dem Pferd so gut tut, daß sich darunter deutlich atrophierte Muskulatur erholt und wieder aufbaut - was erhofft man sich dann noch mehr? Und was unterscheidet einen "alternativen" Sattel von einem "richtigen" Sattel? Ein Sattel ist eine Sitzhilfe für den Reiter, woraus dieser besteht und wie er aussieht, das ist erst einmal komplett egal. Da gibt es kein richtig oder falsch. Und kein Pferd der Welt benötigt einen teuren Glitzerlackrichtigensattel um glücklich zu sein und den Reiter gut zu tragen. Ich dachte mir da immer "Klar, erst packst du da einen "richtigen" Sattel drauf, der dem Pferd massive Probleme macht, dann kommt ein scheinbar "falscher" Sattel, der für das Pferd ja richtig zu sein scheint, denn damit lösen sich die Probleme (vielleicht) in Luft auf und dann wieder ein "richtiger" Sattel?" Also ja, ich verstehe es, wenn man nicht nur und ewig im Lammfellsattel oder was auch immer unterwegs sein will. Ich verstehe auch, wenn man z.B. als engagierter Westernreiter den Dressursattel austauschen möchte. Ich verstehe auch, wenn man als Turnierreiter einen Sattel braucht, der auf Turnieren erlaubt ist, da geht ein Pad einfach nicht. Was ich nicht verstehe: Als nicht turnierambitionierter Freizeitreiter endlich einen Sattel gefunden zu haben, der dem Pferd offensichtlich zusagt, aber dieser ist nicht "richtig" genug? Ich habe schon ganz schlimme Fälle erlebt. Manch einer hat Sättel im Wert von 15000,-€ und mehr im Keller liegen, die das Pferd bereits nach kurzer Zeit nicht mehr akzeptierte. Maßsättel, Sättel von der Stange - egal was. Das ist sicher ein Extremfall, aber viele machen heftig Verlust, weil der vermeintlich "richtige" Sattel doch wieder falsch war. Mir tut das schon immer Leid, aber ändern kann ich so etwas auch nicht. Es soll auch gar nicht darum gehen, welche Sättel gut und welche nicht gut sind, das entscheidet sowieso das Pferd. Mir geht es darum, warum jemand sich einen Sattel kauft, der dem Pferd offensichtlich genehm ist, der Reiter gut klar kommt, der Sattel auch dem entspricht was der Reiter davon erwartet, aber nach Erholung des Pferdes unbedingt ein Sattel her muß, der dem System entspringt, welches bereits deutliche Probleme verursacht hat. Und das gilt für alle Sattelsysteme. Kommen Reiter und/ oder Pferd mit einem Lammfellsattel nicht klar, warum muß man noch einmal einen kaufen? Geht ein Lederbaum nicht - warum noch einmal einen? Das kann man für alle Marken und Systeme so weiter führen. Es heißt ja nicht umsonst: "Never change a running system" und gerade wenn man nach manchmal langer Odyssee das "running system" gefunden hat, sollte man sich sehr genau überlegen, ob man dieses wechseln sollte. Jedes Sattelsystem hat seine Vorteile aber auch Nachteile. Man sollte diese kennen oder vor Kauf erfragen und sich genau überlegen, ob man sich mit den Nachteilen wirklich gut arrangieren kann oder ob diese vielleicht gar keine Rolle spielen. Wenn ich einen breitrückigen Tinker habe, auf dem sowieso immer Spagat angesagt ist, könnte es ein Ausschlußkriterium sein, ein System wie Barefoot zu verwenden, da diese Sättel gerne mal breit setzen. Auf einem schmalen Araber mag das aber eher angenehm zu sitzen sein. Auch bringt es nichts, sich auf einen Lammfellsattel einzulassen, wenn man Turniere reiten möchte, ein Rennsattel könnte für die Working Equitation eher suboptimal sein. Ich kann es nur immer wieder sagen: es gibt kein pauschales Richtig oder Falsch. Es gibt nur ein Passend für Reiter, Pferd und Aufgabe! Überlegt euch vorher, welchen Anforderungen der Sattel gerecht werden muss und lasst euch nichts aufschwatzen, was diesen nicht entspricht. Und achtet darauf, daß der Sattel nicht nur dem Pferd passen muß, sondern unbedingt auch dem Reiter! Schließt nie einen Kauf sofort ab, überlegt gut und versucht einen wenigstens kurzen Testzeitraum heraus zu handeln. Wenigstens 3 oder 4maliges Reiten in allen Gangarten muß drin sein. Wenn ihr einen Sattel zum springen sucht, springt damit, wenn ihr einen Sattel fürs Gelände sucht, probiert ihn im Gelände. Denn bei diesen Aufgaben muß der Sattel euren Anforderungen gerecht werden. Und fragt nicht etliche Leute, was sie davon halten. Spürt erst einmal, wie euer Pferd sich mit diesem Sattel reiten lässt, wie gut ihr euch darin fühlt und dann fragt ruhig einmal eine kompetente Person. Und bei allem, was ihr satteltechnisch tut oder lasst, bedenkt eines: eurem Pferd ist es egal ob der Sattel viel oder wenig Geld kostet, ob er schlicht gehalten oder mit Diamanten besetzt ist, ob er von der Marke kommt, die gerade in oder völlig out ist. Euer Pferd braucht einen Sattel der es nicht behindert oder gar schmerzt und der dem Reiter einen geschmeidigen und ausbalancierten Sitz ermöglicht. Nicht mehr und nicht weniger Anforderungen sollte man an einen Sattel stellen, den man seinem Pferd auf den Rücken schnallt. Ein Sattel, der das erfüllt ist immer ein "richtiger" Sattel.




Brauchen keine ReHa-Sättel