Reiten auf dem Schwamm
"Das ist so schwammig" - ein Satz, den man immer wieder einmal hört. Über dieses Thema habe ich vor Jahren schon einmal etwas geschrieben. Inzwischen könnte ich ja neue Erkenntnisse haben, aber nein, die Erleuchtung ist bis jetzt nicht gekommen. Ich habe bis jetzt auch niemanden getroffen, der mir diesen Begriff einmal nachvollziehbar erklären könnte. Was mit den Jahren allerdings gekommen ist, sind Erfahrung und Beobachtungen. Lederbaumsättel sind ja so ein Thema. Sehr oft kommen Reiter auf mich zu, deren letzter Rettungsanker so ein Sattel ist. Weil die Sattler einfach direkt sagen, so einen Rücken können sie nicht besatteln, weil sie nichts dafür haben. Oder weil man sehr geschäftstüchtige Sattler/ Sattelverkäufer am Pferd hatte, die immer wieder nur das verkauft haben, was so im ersten Moment das Passendste zu sein schien. Und wenn dem Reiter dämmerte, daß es ja nicht sein kann, daß der teure und ganz bestimmt passende Sattel das Problem mit Rittigkeit und Gehorsam verursachen könnte, kommt traurigerweise gerne der Satz "Da mußt du dich einfach einmal durchsetzen" oder auch gerne "Hau dem mal was auf den Frack". Solche Sätze nicht einmal unbedingt vom Sattler, sondern von gutmeinenden Reiterkollegen oder auch Reitlehrern. Nun ja, irgendwann ist das halbwegs bezahlbare Sattelangebot nun einmal abgegrast, das Vertrauen in die Kompetenz des Fachpersonals dahin und man beginnt selber mit der Recherche. Fast zwangsläufig stößt man dann auf Sättel, von denen man noch nie etwas gehört hat. Und muß erst einmal lernen, was das alles darstellt, was ist "baumlos", was ist "Lammfell", was ist "Lederbaum" usw. Und vor allem die wichtige Frage: Wie bestimme ich das richtige Kopfeisen? Was bedeuten "Längs- und Querschwung"? Ach und die Gurtung, die könnte auch noch eine Rolle spielen? Und warum sollte man bei dem ein oder anderen System keine Steigbügel nutzen? Und warum gibt es da trotzdem die Möglichkeit, Steigbügel anzubringen? Usw. Die Auswahl bei den alternativen Sattelsystemen ist ja weitaus größer und verwirrender, als beim herkömmlichen Sattel. Die sind vom Grunde her immer ziemlich gleich und unterscheiden sich eigentlich nur in Aussehen, Verarbeitungs- und Materialqualität und in der Art, was der Sattler da noch verändern kann oder eben nicht. Und worauf der verzweifelte Reiter dann fast zwangsläufig auch noch stößt, sind sehr viele unterschiedliche Antworten auf die Frage des sogenannten Sitzgefühls und damit wären wir beim Thema "schwammig". Inzwischen bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß der Begriff "wackelig" die am nächstliegende Übersetzung ist. Zumindest bei den meisten. Ich persönlich würde das vielleicht eher sagen, wenn ich mit meinen Sitzhilfen nicht richtig ans Pferd komme, da der Sattel tatsächlich instabil ist und ich mehr damit zu tun habe, den Sattel oben auf dem Pferd zu halten anstatt reiten zu können. Und jetzt mal eine für mich immer wieder spannende Beobachtung: Für welche Reiter ist ein alternativer Sattel eher "schwammig"? Das sind nach meiner Erfahrung fast ausschließlich Leute, die in den modernen "Sitzprothesen" sozialisiert sind. Und somit Reiter jüngeren Alters oder Ältere, die erst in den letzten Jahren mit dem Reiten begonnen haben. Das kann man natürlich nicht pauschal verallgemeinern, aber das ist einfach meine Erfahrung. Ganz selten bemängelt ein langjähriger Reiter so etwas, eher im Gegenteil, gerade bei Lederbaumsätteln wird sehr positiv vermerkt, wie gut man das Pferd plötzlich fühlt und wie "frei" man sitzt. Diesen Reitern muß ich da auch nichts erklären, was diese angebliche "Schwammigkeit" eigentlich ist: Nämlich einfach nur die höhere Beweglichkeit des eigenen Körpers, die plötzlich die Bewegung des Pferdes aufnimmt. Wer in einem Sattel reiten gelernt hat, der dem Reiter den Aufwand des Erlernens des korrekten Sitzes vermeintlich abnimmt, der kommt natürlich nicht mit einem Sattel klar, der den eigenständigen Sitz einfordert. Wenn ich es gewohnt bin, stets gehalten und gestützt zu laufen, werde ich das auch nicht auf einmal ohne Halt und Stütze können. Und genau das ist so ein Sattel, der den Reiter gefühlt sicher in einer tiefen Sitzschale versinken läßt und dann netterweise durch seine prominenten Pauschen das Bein noch nach hinten drückt. Unter diesen Umständen kann sich gar nicht die benötigte Muskulatur aufbauen, die der Reiter für einen freien und unabhängigen Sitz eigentlich benötigt. In diesem Zusammenhang bin ich auch immer sehr erstaunt, wenn Richter auf dem Turnier einen "geschmeidigen Sitz" loben und ich sehe da nur ein bauchtanzähnliches Oberkörpergewackel mit komplett festgestellter Hüfte. Für mich ist ein geschmeidiger Sitz erst dann gegeben, wenn ich im Prinzip keine Bewegung des Oberkörpers bei einem losgelassenen und schwungvoll vorwärtsgehenden Pferd sehe. Wenn man da nämlich einmal genau hinschaut, dann sieht man, wie jede Schwungbewegung tatsächlich in der Hüfte abgefangen wird. Da liegen auch die Beine in der richtigen Position und man sieht so gut wie keine Hilfen mehr. Und um jetzt noch allen fleißigen Verfechtern des "Reitens mit feinen Hilfen" ganz gemein etwas mitzugeben: DAS ist Reiten mit "feinen" Hilfen. Nicht reiten ohne Hilfen. Aber Hilfen, ob fein oder nicht, sind ein anderes Thema. Reiter, die von Beginn an mit diesen in Wahrheit "Sitzbehinderungssätteln" beglückt wurden, haben leider nur noch unter massiv erschwerten Bedingungen die Chance, einen wirklich geschmeidigen Sitz zu erlernen, der dann letztlich zu wirklich feiner Hilfengebung (da klare und eindeutige Hilfen) führen kann. Denn kaum etwas ist so schwierig, wie von Grund auf falsch erlernte und verinnerlichte Bewegungsmuster zu korrigieren. Übrigens ist nicht nur der tiefe Sitz bei einem Sattel ein Problem (der nämlich nur, wenn die Sitzgröße zu klein ist), sondern prominente Pauschen, die nahezu immer im Weg sind und die freie Lage des Beines behindern. Kann der Reiter sein Bein nicht hinten am Pferdebauch halten, dann zeigt das einfach nur auf, daß die Rumpfmuskulatur nicht ausgewogen stark und dehnbar ist. Aber nicht, daß der Reiter hier eine Hilfe benötigt um in die vermeintlich korrekte Haltung gebracht zu werden. Wird das Bein nicht durch eigene Körperbeherrschung in der korrekten Lage gehalten sondern durch eine Pausche etwas nach hinten gedrückt, können zwei Phänomene sowohl einzeln als auch zusammen auftreten: Da die Pausche stört, schieben sich viele Reiter im Sattel nach hinten. Damit ist übrigens einerseits die Absicht, das Bein richtig zu positionieren in die Binsen gegangen und außerdem wird der Pferderücken zu weit hinten belastet. Das ist bei starren Bäumen besonders fatal, selbst wenn der Sattel dem Pferd eigentlich perfekt passt: Denn wenn der Reiter zu weit hinten im Sattel sitzt, wird massiver Druck im hintersten Bereich ausgeübt. Das führt zu weggedrückten oder festgestellten Pferderücken, aufgekröpften Hälsen, nach vorne weglaufenden Pferden oder auch mal zu Pferden, die den Reiter kurzerhand "entsorgen". Die zweite Erscheinung, die im Zusammenhang mit einer prominenten Pausche entstehen kann, ist das Hohlkreuz und damit die komplett festgestellte Hüfte. Und da sind wir dann bei dem Eindruck, daß z.B. ein Lederbaumsattel wackelig (schwammig) ist: Eine festgestellte Hüfte läßt es nicht zu, der dreidimensionalen Bewegung des Pferderückens zu folgen. Man ruckelt eigentlich nur vor und zurück. Das wird durch einen zu kleinen tiefen Sitz und den starren Baum noch verstärkt. Diese Sättel haben keinerlei Eigenbewegung die sich ans Pferd anpasst. Und dann sitzt man plötzlich in einem Sattel, der diese dreidimensionale Bewegung mitmacht und an den Reiter weitergibt. Der vom Reiter Hüftbewegung einfordert. Klar, daß man da das Gefühl bekommt, der Sattel schwankt und rutscht auf dem Pferd. Man spürt nämlich hier das seitliche Absenken des Pferderückens in der Bewegung. Der Reiter ist aber nicht gewohnt, daß er nicht nur vor und zurück bewegt, sondern auch wechselnd rechts und links mit absinkt. Für solch einen Reiter fühlt es sich dann eben so an, als ob ihm der Sattel immer nach rechts und links wegrutscht. "Schwammig" im Sinne von "der Sattel rutscht auf dem Pferderücken hin und her" - NEIN! "Schwammig" im Sinne von "der Sattel läßt eine Bewegung zu, die der Reiter nicht beherrscht" - JA! Und genau da sollte bei den betreffenden Reitern die Botschaft im Kopf ankommen: Das Defizit liegt nicht beim Sattel, nicht beim Pferd, es liegt einzig und alleine in der mangelnden Beweglichkeit und Körperbeherrschung der Reiters. Weil in der Ausbildung nur zu gerne die wichtigen und langwierigen Schritte zur Entwicklung eines guten und ausbalancierten Sitzes übersprungen werden. Ja, das ist mühsam, das dauert, wenn man die Freundinnen bereits mit Schleifen vom Turnier heimkommen sieht, mag es auch frustrierend sein, selber regelmäßig zur Sitzschulung an der Longe zu sein. Aber genau das ist eine Investition in die Zukunft, eine Investition in die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes und eine Investition in die eigene Gesundheit. Von daher gibt es eigentlich nur ein Rezept mit wenigen Zutaten um möglichst lange ein leistungswilliges Pferd mit einem gesunden Körper und eigenes Wohlbefinden, Zufriedenheit und Glück auf dem Pferd zu erhalten:
- Ein Kilo Geduld mit sich selber.
- Ein Kilo Geduld mit dem Pferd (gerne eine Prise mehr).
- Ein Kilo Selbstdisziplin. Je nach Begabung etwas mehr oder weniger Zeit für Sitzschulung.
- Mindestens 500g Verständnis für die Interaktion zwischen Reiter und Pferd.
- Und um das alles zu einem guten Gelingen zu bringen: Eine Ausrüstung die nichts vorgibt, aber alles ermöglicht.
Der Sattel ist dabei, genau wie das Gebiss, die direkte Kommunikationsleitung zwischen Reiter und Pferd und sollte diese daher weder stören noch unterbrechen. Und so ganz zum Schluß eine Bitte an alle, die versuchen, anderen Menschen das Reiten beizubringen: Verbaut diesen zukünftigen Reitern nicht schon von Beginn an den Weg ein wirklich guter Reiter zu werden. Niemand muß schnell traben und galoppieren können und niemand muß bereits nach einem Jahr auf Turnieren aufschlagen. Der Sattel muß den Reiter nicht auf dem Pferderücken "sichern", er muß lediglich einen ausbalancierten und frei mitschwingenden Sitz ermöglichen. Natürlich ist das mühsamer, es erfordert vom Lehrer mehr mitdenken, mehr Lehrfähigkeit, mehr Blick für die Ursache eines Problems. Aber es ist fair und gerade, wer sich aufschwingt anderen etwas beibringen zu wollen, sollte das auch so tun, daß der Unterrichtete einen wirklichen dauerhaften Mehrwert hat. Es ist absolut unlauter, jemandem Zeit, Geld und Mühe zu stehlen und ihn so auf einen Irrweg zu bringen, der eigentlich stets nicht nur zu Lasten der eigenen Gesundheit sondern auch immer zu Lasten des Pferdes geht. Wer, wenn nicht der Reitlehrer, kann einem angehenden Schüler denn wirklich klar machen, daß eine reiterliche Entwicklung ein ewiger Prozess ist? Und das ist die Pflicht eines Reitlehrers - den Reiter zu bremsen, ihn immer wieder auf den Boden der Realität zurück holen und nicht, den schnellen Turnierstart, den frühen Galopp oder was auch immer, zu ermöglichen, indem Hilfsmittel genutzt werden, die letztlich nur die positive Entwicklung bestenfalls verzögern, schlimmstenfalls verhindern.
Wem es zu wackelig ist: Zu Fuß geht auch gut.